Oberster Denkmalpfleger will von Erinnerungskultur nichts wissen. – Wann kommt das Informations-Freiheitsgesetz, das Behörden-Geheimniskrämerei unterbindet – am Beispiel „Haus der Gemeinde“ Steinhorst? Unterstützt Ministerin Hamburg eine Denkmalschutz-Reform?

Im Referat 34 geht es schon ziemlich feudal zu: Zu einer Eingangsbestätigung unseres Brandbriefs zur Einforderung der Erinnerungskultur auch bei einem Steinhorster Denkmal vom 04.01.2024 wollte sich der oberste Denkmalaufseher, Graf von Winzingerode, nicht herablassen, geschweige Position beziehen, obwohl er vor einem halben Jahr noch unsere Auftaktargumentation als „interessant“ und „bedenkenswert“ charakterisierte. – War das, aus heutiger Sicht, doch nur zum Abwimmeln? – Denn inzwischen sind unsere Rechercheergebnisse und Belege zu Tessenows Verwandtschaft mit wesentlichen Teilen der Nazi-Ideologie weit umfänglicher und noch stichhaltiger. Grund also genug für den Grafen, sich seiner „ritterlichen Werte“ der Verschwiegenheit zu besinnen, statt sich auf eine demokratische Lösung in einer öffentlichen Debatte zu bemühen.

Am Telefon ganz überraschend gestellt, begründete Winzingerode sein Unterlassen mit zwei denkwürdigen Hinweisen:

> Die EM Euro Medical verfüge über „kein berechtigtes Informationsanliegen“ (obwohl wir vermutlich als letzter ernsthafter Interessent am Denkmal „Haus der Gemeinde“ verblieben sind – offensichtlich sind wir aber zu unbequem. Halt! Da wäre noch die Umzugsidee für den Kindergarten, die aber schon an der Nähe zur Lachte, den gefährlichen Treppenführungen und mangelhaftem Brandschutz scheitern dürfte).

> Auch würde unser Unternehmen Informationen auf dieser Web-Seite „immer gleich öffentlich machen“.

Dieser Art adeliger Geheimpolitik wirft noch viel längere Schatten voraus: Da die betroffenen Gemeinden (wie Steinhorst), auf das Wohlwollen der Denkmalbehörden angewiesen sind, zum Beispiel bei Genehmigungen von Umnutzungen, Veräußerungen oder Restaurationen etc., und hierzu auch noch Zuschüsse der öffentlichen Hand benötigen, können die Gemeinden sehr wirksam zum Stillhalten vergattert werden. Ganz abgesehen davon verweigern auch andere Denk- und Mahnmal-Einrichtungen, die der Denkmalpflege unterstehen, sachdienliche Auskünfte, wenn sie auf kurzem Amtswege dazu angehalten werden. Uns liegen hierzu zwei sehr spezielle Erfahrungen vor.

Aufforderung an Kultusministerin Julia Hamburg zu Auskunfts- und Mitwirkungsrechten in der Denkmalpflege

Offensichtlich ist im Dunkeln viel besser munkeln, wenn es um ideologisch gelenkte und politisch zweifelhafte Denkmalpolitik geht. (Fortsetzung des Artikels nach dem Link zur „Eingabe an Kultusministerin Julia Hamburg“)

Vertreibt der oberste Denkmalwächter Niedersachsens die Erinnerungskultur jetzt endgültig aus den Denkmalbehörden und zwingt Gemeinden zum Stillhalten, statt eine demokratische Reform des DSchG anzustoßen?

Es scheint, als solle das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, und der Respekt vor dem frühen jüdischen Widerstand gegen den damals auch politisch motivierten Antisemitismus hinter der reaktionären Tessenow’schen Vision: „Rolle rückwärts in eine feudale Ständegesellschaft!“ – möglichst unsichtbar zurückstehen!

Dieser auch politisch begründete antisemitische Hass verbreitete sich schon während der wilhelminischen Epoche und den sich anschließenden feudalen, groß- und kleinbürgerlichen Restaurationsversuchen in der Weimarer Republik. Das Abschütteln „der Hegemonie des Marxismus und der Demokratie“ verband mehr oder weniger die ansonsten eher heterogene Anhängerschaft einer „konservativen Revolution“, von der auch Tessenow in Form einer feudalen Ständegesellschaft träumte. Die Nationalsozialisten erkannten schnell, dass ihnen ebf. durch die fließend verwobenen völkischen Teile der Lebensreform-Bewegung das Feld bestens bestellt wurde und sie nur wenig in ihrem Sinn nachjustieren mussten. Denn jene „Revolutionsideen“ von einem „Dritten Reich“ wurden von dem NS fast nahtlos in die Errichtung der konterrevolutionären NS-Diktatur umgelenkt.

Vor der Deportations-, Massenvernichtungs- und Kriegspolitik der Nazis konnte man sich dann nach 1933 kaum mehr als Teil der Funktionselite, der freilich auch Tessenow als Professor der TU Berlin angehörte, wegducken. So wie es auf einmal im Architektenstreit der Weimarer Zeit nicht mehr nur um moderne Flachdächer oder traditionelle Spitzdächer ging, sondern um die Besiedelungsarchitektur des PLAN OST, der die Vertreibung von über 30 Mio. Menschen und die einheitlich arische Kolonialisation vorsah!

Das CDU-Mitglied Winzingerode und die für das „Haus der Gemeinde“-Denkmal zuständige Referentin, Cordula Reulecke, ficht das nicht sonderlich an, obwohl sie seit unseren lfd. Enthüllungen auf dieser Website, einerseits, und dem schockierenden Geheimtreffen von identitären Neonazis, AfD- und einigen CDU-Mitgliedern im November in Potsdam – nur 8 km von der Wannseekonferenz-Villa entfernt – gewarnt sein sollten, dass sich diese Konferenzteilnehmer bereits mit einem geheimen Masterplan ganz praktisch um die erneute „ethnische Reinigung Deutschlands“ durch Vertreibung von Millionen Menschen heranmachten.

Das Bekämpfen dieser reaktionären Revolutionsfantasien und Vertreibungsvorhaben sollten nicht nur Gegenstand von Hoffnung gebenden Anti-Nazi-Großdemonstrationen sein, sondern müssen vielerorts hochgehalten werden. Gerade auch im Denkmal „Haus der Gemeinde“ in Steinhorst sollte diese Gegenwehr entschlossen Platz greifen wegen der kaum zu leugnenden historischen Parallelen zu auch den gegensätzlichen Biografien von Simon und Tessenow.

Der jüdisch-deutsche Bankier Simon verbreitete mit Mut und Tat Hoffnungen unter den verfolgten Juden, die letztlich, weil es an breiterer gesamtgesellschaftlicher Gegenwehr unter den Deutschen fehlte, von den Nazis in Blut erstickt wurden. – Umso mehr geht es um die „Einlösung der vergangenen Hoffnung“ (Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in:der „Dialektik der Aufklärung“) des couragierten, großzügigen und weitsichtigen jüdisch-deutschen Bankiers, Alexander Moritz Simon, seiner nach ihm benannten Stiftung und seiner beispielgebenden Lehrer- wie Schülerschaft.

Das Fehlen eines Informations-Freiheitsgesetzes ist ein Skandal! Niedersachsen und Bayern bilden das traurige Schlusslicht dieser staatlichen Vereinsmeierei!

Noch jede Legislaturperiode seit den Nullerjahren problematisierten die Grünen zu Recht das Fehlen eines solchen Gesetzes, das die bedingungslose Auskunftspflicht gesetzlich sicherstellen soll. Im Bund und in 14 Bundesländern ist dies bereits bindend geregelt. Obwohl nun die Grünen Regierungspartner in Hannover sind, kommt das Vorhaben nicht wirklich voran und bleibt Niedersachsen mit Bayern Schlusslicht in dieser wichtigen demokratischen Entwicklung.

Falls sich die SPD noch zieren sollte, könnte ja zumindest die grüne Ministerin in ihrem Kultusministerium schon mal für Umsetzung sorgen. Unser Steinhorster Denkmal-Anliegen würde einen Startschuss sicher rechtfertigen!

Das ethisch ambivalente niedersächsische Denkmalschutzgesetz (DSchG) ist von seinem wilhelminischen Obrigkeitsgeist zu befreien und zu demokratisieren!

Der Denkmalschutz kam erst Ende des 19. Jahrhunderts im Rahmen der rechts gerichteten Heimatschutzbewegung auf und wurde von der Bismarck’schen Verwaltung aufgegriffen. Der gleichen Bewegung, die später ganz Deutschland mit ihren anti-urbanen und agro-romatisierenden Bau- und Landschafts-Gestaltungsvorstellungen konsequent gegen die Moderne überziehen wollte. Tessenow spielte auch dort seine Rolle als national ausgerichteter Patriot. Das Heimatschutz-Gedankengut wurde von dem NS ganz besonders gerne vereinnahmt, sicherte es ihr schließlich eine gehörige Anhängerschaft und förderte frühzeitig die völkische Führer-, Blut- und Bodenideologie samt Gleichschaltung möglichst aller Lebensbereiche.

Umso schlimmer ist, dass das niedersächsische Denkmalschutzgesetz eine ambivalente Haltung zu den Verbrechen und Ideologien der antisemitischen Nazi-Diktatur einnimmt und kein voraussetzungsloser Anspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen dieser Behörden besteht. In einem solchen demokratischen „Notstandsgebiet“ richten sich erfahrungsgemäß besonders gerne und erfolgreich lobbyistische und politisch-ideologisch verquere Interessenvertreter ein. – Das muss sofort aufhören!

Wie der Vorsitzende der Tessenow-Gesellschaft, Theodor Böll, die Aufklärung über Tessenows ideologische Verwandtschaft mit dem NS seit 1991 unter der Decke hielt und damit den Beispiel gebenden jüdischen Freiheitskampf Simons, seiner Stiftung und Schulen subtil desavouierte. – Ging ihm auch die Denkmalpflege auf den Leim?

Funktioniert so Erinnerungskultur gegen den Antisemitismus, um Folgegenerationen für die Verteidigung demokratischer Freiheiten zu festigen und gegen Rechtsradikalismus und Rassismus resistent zu machen? – Oder geht es doch nur um ein „Erinnerungstheater“ (Max Czollek), also um eine, vorgeblich durch nichts zu störende Dorfidylle, wie sie unter Moderation von Böll in dem Heimatfilm „Heideort Steinhorst – Ein Heinrich-Tessenow-Bau in Steinhorst 4. Teil“ auf YouTube bestaunt werden kann? – Freilich ganz ungestört von den sie umgebenden Wirren und Schrecken des wilhelminischen Kaiserreichs, das im ersten barbarischen, imperialistischen Weltkrieg endete, der nieder geschlagenen Räterevolution, der von rechten und großbürgerlichen Kreisen von Beginn an bekämpften Weimarer Republik, die schließlich in der antisemitischen NS-Diktatur mit ihren Raub- und Vernichtungsfeldzügen gegen Regime-Gegner, die jüdische Bevölkerung Europas, die slawischen Völker und europäischen Nachbarn, schlussendlich in einem Weltbrand mit verdientem Untergang des 3. Reiches gipfelte.

Wir haben den wirklichen Tessenow-Spezialisten, Prof. Marco de Michaelis, kein zweites Mal als Experten nach Steinhorst einladen müssen. Denn er leuchtete bereits 1991, nur drei Jahre nach seinem Besuch bei Bürgermeisterin Hanke, und seiner Identifizierung des „Hauses der Gemeinde“ als „Tessenow-Bau“, die ideologische Basis Tessenows und dessen zwiespältige Rolle im Vorfeld und während des 3. Reichs in seinem umfassenden Werk: „Heinrich Tessenow 1876-1950, Das architektonische Gesamtwerk“ aus.

Theodor Böll sagt selbst, dass er spätestens seit 1991 das Werk von Prof. Marco de Michaelis kennt und damit auch zwangsläufig dessen Enthüllungen über Tessenow:

Etwas später, 1991 erschienen dann die Ergebnisse der 10-jährigen Forschungsarbeit von Marco de Michaelis in Buchform. Und im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main fand eine sehr große Tessenow-Ausstellung statt …

Theodor Böll, zitiert aus dem YouTube-Film: Heideort Steinhorst – Ein Heinrich-Tessenow-Bau in Steinhorst 4. Teil“.

De Michaelis beschreibt auch, dass der NS-Propagandaminister Joseph Goebbels noch 1933 Tessenow dafür vorgesehen hatte, die, nach Goebbels Meinung, fehlende, „Kunstauffassung des NS“ formulieren zu lassen. Allerdings stellten sich andere NS-Kulturgrößen wie der tumbe Alfred Rosenberg dagegen und bremsten Goebbels (noch) bei Hitler aus.

Diese Sympathien Goebbels für Tessenows Architektur und Denken könnte durchaus erklären, warum sich Goebbels 1944 bei der Erstellung der Liste der ca. 380 „unersetzlichen gottbegnadeten Kulturschaffenden“ eines Tessenow erinnerte und ihn dort dann doch, auch mit dem Segen Hitlers, platzierte. – Theodor Böll allerdings konnte sich aus dieser hohen NS-Auszeichnung für Tessenow in der „Tessenow-Runde“ am 04.05.2023 angeblich so gar keinen Reim machen, trotz seiner tieferen Einblicke auch in dessen dunklere Biografie-Seiten.

Der Status als Gottbegnadeter brachte mannigfaltige Vergünstigungen, wie Zusatzrationierungen, Pensionszuwächse, relativer Schutz vor willkürlichen Verhaftungen und die Befreiung von Kriegs- und Heimateinsatz. Denn die Nazi-Elite hatte – trotz der sich bereits abzeichnenden Niederlage – vielleicht noch ein Quäntchen Hoffnung, einen Wiederaufbau deutscher Städte unter NS-Herrschaft organisieren zu können. Dazu setzte sie offensichtlich auch auf den bereits 1941 emeritierten Professor Tessenow.

Auch eine von Böll Anfang der 90er-Jahre erwähnte Ausstellung des „Deutschen Museums für Architektur“ in Frankfurt beförderte einen differenzierteren Blick auf den von Böll rundum gepriesenen „liberalen“ Tessenow. – Reulecke und Böll ließen über Jahrzehnte nichts auf den „Philosophen unter den Architekten“ kommen, obwohl seine kleinbürgerliche „Philosophie“ schon während seiner Hellerau (und zeitgleich Steinhorst)-Phase durchaus feudalistisch-reaktionäre und national-faschistische Züge aufwies, wozu ihn der Nationalsozialismus gar nicht hat bekehren müssen. – Ging also Cordula Reulecke von der Denkmalpflege Braunschweig Böll auch auf den Leim?

„Architektur und Lebensauffassung der Ideologie der neuen Herrscher verwandt“

Mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten begann für Tessenow eine ambivalente Zeit. Einerseits waren Teile seiner Architektur und Lebensauffassung der Ideologie der neuen Herrscher verwandt, die etwa Ausschnitte aus Handwerk und Kleinstadt in ihren Publikationen zitierten; andererseits wurde sein unveränderter Widerwille, sich parteipolitisch festlegen zu lassen, von einem Regime, das über Parteipolitik ein ganzes Volk zu kontrollieren trachtete, mit Misstrauen und zunehmender Feindschaft beobachtet.

Begleitheft zu einer Ausstellung des Deutschen Architektur-Museums, Frankfurt am Main, 23. Mai bis 10. August 1991 zu: „Heinrich Tessenow, 1876-1950“

Kein ethischer Konflikt mit dem Freiheitskampf der Juden erkennbar?

Einen ethischen Konflikt mit der Simon’schen Stiftung als Bauherrn der jüdischen Ausbildungsstätte in Steinhorst und ihrem damit verbundenen Streben nach Freiheit und Gleichheit als Antwort auf den schon Ende des 19. Jahrhunderts stark zunehmenden politischen Antisemitismus, vermochte Böll nicht zu erkennen und auch nicht zu erwähnen. – Damit bestärkte er jahrzehntelang auch die „Denkmalpflegerin“ Cordula Reulecke, die in ihrer ursprünglichen Denkmalbegründung Simon, seine Stiftung und Schulen nur als ambivalente Statisten führte. Erst 2023 korrigierte sie dieses einseitige Geschichtsbild, ohne allerdings ernsthaft diesen ethischen Konflikt politisch angemessen aufgelöst zu haben.

Lesen Sie diesen Artikel weiter auf der DENK MAL MIT VERSTAND Seite – einfach unten klicken. Dort finden Sie auch im Anschluss unsere zusammenfassende Einschätzung über Tessenows Nähe zum NS als ein ABSTRACT.

Tessenows „Hausbau und dergleichen“: Völkisches Arbeiten „für Großes und Hohes“

Aus heutiger Sicht klingt es paradox„, beschreibt Eberhard Wiens in seinem Artikel: „Vom Gartenhaus (Goethes) nach Buchenwald„, „dass sich Architekten und Planer verschiedenster Richtungen vor dem Ersten Weltkrieg einig darin waren, mit neuer Architektur zu einer Sozialreform beizutragen. Alle waren Lebensreformer und jugendbewegt. Man fand sich 1907 im „Werkbund“ zusammen. Das Wohnungselend durch Zustrom der Massen in die Städte war herkömmlich nicht mehr zu bewältigen. Eklektizismus und Historismus überdeckten das Elend, indem sie artifizielle Ornamente an die Fassaden klebten.

Während aber die eine Gruppe zur (November-)Revolution und zur internationalistischen Neuen Sachlichkeit vorwärtsstürmte, machte die andere Gruppe die Rolle rückwärts über den Historismus hinweg und landete beim Baustil um 1800. Mehr Stadt war ihnen das falsche Rezept. Die giftgeschwängerte Atmosphäre des städtischen Sündenbabels hatte die Heimat verschandelt und vernichtet. Biedermeierliche Beschaulichkeit und bäuerliche Bescheidenheit, Sinnbilder der Epoche des Klassizismus, waren ihre Quelle, aus der sie die Wiederauferstehung der verlorenen Heimat schöpften. Sie verstanden darunter nicht eine getreue Reproduktion oder Konservierung des alten Stils, sondern eine vorsichtige Adaption.“ (ebd.)

Tessenows herablassende Beurteilung zu den modernen Strömungen der Architektur des beginnenden 20. Jahrhunderts

„…Ein Kind ist sehr wohl schöpferisch; aber seine Schöpfungen haben nur Augenblickswert. … Wir haben uns während dieser Zeit, durchaus kindlich, ohne nennenswerte Hemmungen für alles interessiert, haben wirklich alles hergenommen und alles wieder liegengelassen, uns war beinahe nichts mehr heilig, …“ (Tessenow, „Hausbau und dergleichen mehr“, Einleitung).

Frühzeitig kämpfte er gegen das „Vielfältige“ an und forderte „Typisierung“, am besten landauf, landab, mit dem beginnenden Geruch einer „Gleichschaltung“, wie sie gerne später von den Nazis aufgegriffen wurde:

„Wenn wir uns bisher um die Förderung des Gewerblichen (gemeint ist die Priorisierung des Handwerklichen, statt Verkünstelung) besonders mühten, so handelte es sich in Hundert Fällen neunzigmal um irgendwelche Feinheiten oder Eigenheiten, wir glaubten dann gerne, sehr unschuldig, als sei alles notwendige Erste oder Grobe schon sehr gründlich und schön erledigt; aber gerade dort fehlte es uns; wir hatten überall kleine Fundamente und bauten überall Kleines darauf, sozusagen bei uns hatte jeder sein kleines Privatfundament“. (ebd.)

Völkisches Arbeiten „für Großes und Hohes“

Dem setzt Tessenow bereits 1916, also bereits 6 Jahre nach Fertigstellung der jüdischen Landwirtschaftsschule in Steinhorst, das „völkische Arbeiten“ für „Großes und Hohes“ entgegen im Sinne einer völkischen Kultur:

„Heute aber suchen wir das breite und starke Fundament zu bilden, das unser Gesamtarbeiten trage, damit es sich zu einem Großen und Hohen ausbaue. Und damit beginnt uns eine zweite Periode völkischen Arbeitens. und erst nachdem wir uns dort hineingelebt haben werden, kann uns das immer wieder ersehnte dritte oder künstlerische Zeitalter kommen.…Wir werden sehr viel erfahren, dass uns die Zeichen betrogen haben, die uns in jüngerer Zeit viel Künstlerisches und Großkünstlerisches versprachen;das Trügerische liegt hier sehr nahe, weil alles Künstlerische unter anderem auch sehr kindlich ist, und da wir heute sehr viel Kindliches zu sehen bekommen, so ist es sehr leicht, an viel Künstlerisches zu glauben, um so leichter, da wir es so gerne haben möchten …“ (Tessenow, „Hausbau und dergleichen mehr“, Seite 7).

Tessenow genügte die Zurückweisung des Kindlichen nicht. Es musste schon das Männliche in schönen Uniformen und Stiefeln sein.

Auch die Frauen waren Tessenow zu kindlich

Auffällig ist, dass sich in den Immatrikulationslisten keine weiblichen Namen finden: Nahm Tessenow – anders als zuvor in Wien, wo Margarete Lihotzky (später Schütte-Lihotzky) seine prominenteste Studentin gewesen war – keine Frauen zum Studium an?

In Dresden war u.a. Konrad Wachsmann sein Schüler. Er berichtete von einer Stuhlanfertigung als Aufnahmeprüfung, die ihm eher wie die Prüfung der Handwerkskammer vorkam. Und er erinnerte sich an Tessenows Idee einer Handwerkergemeinde „die unter Leitung eines Meisters zusammen arbeiten, in einem Haus leben und am gleichen Tisch essen. Eine Großfamilie, in der es für Frauen keinen Platz gab.“ [Wachsmann, S. 121]

Frauen wies Tessenow jedoch aus einer konservativen Grundhaltung heraus zum „Eigenschutz“ einen traditionellen, eher passiven Part im Hintergrund zu. Aktive Mitglieder durften sie jedenfalls nicht werden“. (ebd.)

Heimat- und Naturschutz als Rückwendung in den biedermeierlichen Feudalismus

Einerseits wollten Heimat- und Naturschutz die Fesseln und Schnörkel des wilhelminischen Zeitalters durch eine Lebensreform abstreifen, andererseits fielen sie, weil die Industrialisierung ihnen in die Quere kam, in die Phantasmagorie (Trugbild) eines biedermeierlich gemilderten Feudalismus zurück. Paul Schultze-Naumburg, Mitbegründer sowohl des „Deutschen Bundes Heimatschutz“ (1904) als auch des Werkbundes, ... stieß am weitesten in die Extreme vor. 1902 veröffentlichte er „Die Kultur des weiblichen Körpers als Grundlage der Frauenkleidung“. Das große emanzipatorische Thema war die Befreiung der Frau vom Korsett. Die Reformkleider fielen weich und locker.

26 Jahre später verglich er in Wort und Bild die Malerei der Moderne mit pathologischen Deformationen. Die schmierige Welt aus verbogenen Leibern sei die „rohe Andeutung vertierten Untermenschentums“. Das war die exakte Vorlage für die Ausstellung „Entartete Kunst“, die 1937 folgen sollte. Schultze-Naumburg synthetisiert Kunst und Leben zu einem Menschenideal, das unmittelbar zu realisieren sei. Wer nicht in diesen Begriff von Schönheit passt, ist auszumerzen. Dem entsprach Hitlers Selbstbild: Der Künstler als Politiker – und Feldherr. Aus der Person wird ein Gesamtkunstwerk ohne Widerspruch.1930 fuhr Schultze-Naumburg fort: Zur „artgemäßen“ Heimat gehört die „Ausmerzung des Lebensuntauglichen“. Sie sind Fremdkörper.“ (Bernhard Wiens, „Vom Gartenhaus nach Buchenwald“)

Geschichtslose Typisierung übertragbar auf andere (besetzte) Orte

Soweit ist Tessenow nie gegangen, obwohl er in dem Architektenstreit eine führende Rolle auf Seiten der Traditionalisten einnahm. – Aber es half nichts. Als die Nazis hochkamen, ging es um mehr als nur Sattel- oder Flachdächer. Es ging um Blut und Boden. Der für den besetzten Osten zuständige Landschaftsarchitekt Heinrich Wiepking-Jürgensmann schrieb: „Die Morde und Grausamkeiten der ostischen Völker sind messerscharf eingefurcht in den Fratzen ihrer Herkommenslandschaften.“ Ganz anders die Physiognomie derjenigen Häuser, in die sich die germanischen Eigenschaften eingeschrieben haben. Sie sind verwurzelt in der Landschaft, in der die Blutlinien der germanischen Rasse verlaufen.

Mit Tessenows „völkische(m) Arbeiten„, um ein „breite(s) und starke(s) Fundament zu bilden, das unser Gesamtarbeiten trage, damit es sich zu einem Großen und Hohen ausbaue,“ fügten sich seine Vorstellungen nahtlos in die rabiaten imperialistischen Pläne des NS-Regimes ein. Denn „in der Stereotypie der Siedlungen und Häuser ist das Verfahren der Abstraktion von historischen Formen auf die Spitze getrieben. Die Typisierung, die dabei herauskommt, ist geschichtslos und übertragbar auf andere Orte. Das ist der logische Grund der Wahnidee vom tausendjährigen Reich. Seine reale Wirkung ist die Zerstörung traditioneller und regionaler Verschiedenheit.“ (Bernhard Wiens, „Vom Gartenhaus nach Buchenwald“).

Nutzungsidee für das Haus der Gemeinde: begegnung | debatten | kultur | jugend+familien hotel | Synthesis!

Teil 1 – Politisch-historische Einordnung

Teil 2Simon’sches Freiheitsstreben und Tessenows Trachten nach einer feudal-konservativen „Revolution“ erlauben in einem dualen DENK+MAHNMAL eine aufregende diskursive Zeitreise, die Kulturtouristen, Schulklassen und Studenten bis ins Ausland nach Steinhorst anziehen wird. Das Konzept: begegnung | debatten | kultur | jugend+familien hotel | Synthesis! verspricht eine lebendige Erinnerungs- und Begegnungskultur im Sinne nachhaltiger Ortsentwicklung!

Teil 3 – Müssen Mahnmale immer nur Orte eines traurigen Gedenkens sein? Kann nicht das Tessenow/Simon-DENK+MAHNMAL als ständiges Internationales Jugend-Kulturfestival betrieben werden, das mit Live-Musik, Kunstausstellungen und anderen internationalen Kultur-Darbietungen zu „der“ JUGENDATTRAKTION IN NDS wird – aber sich auch hautnah mit den dunklen und hellen Seiten der deutschen und europäischen Geschichte auseinandersetzt und austauscht? – Eine Veröffentlichung erfolgt, wenn die Akzeptanz unseres Nutzungsvorschlags eine realistische Unterstützung durch die Denkmalbehörden erfährt.

Die Küche wird aktuell nur gelegentlich von Vereinen genutzt. – Sie könnte auch für das Erlernen jüdischer Kochrituale und anderer internationaler Gerichte von jungen Gästen ausprobiert werden. – Ob sich dann Steinhorster Senior:innen trauen, zu kosten?

Küche frei?

So harmlos begann unsere Recherche im November 2022: Wir fragten bei der Gemeinde Steinhorst an, ob wir die Küche und ein paar Räume des „Haus der Gemeinde“ temporär für das Austesten eines neuen gastronomischen Konzepts anmieten können. Bürgermeister Pfeiff zeigte sich nicht abgeneigt, betonte aber auch, dass die Gemeinde dringend nach einem Käufer für das denkmalgeschützte Anwesen suche.

Im Osten grenzt das Grundstück an das Lachte-Ufer und verspricht schattige Erholung.

„Inklusionsurlaub miteinander und voneinander“ als Element auch des neuen Konzeptes.

Eine erste Idee stellten wir dem Steinhorster Gemeinderat im November 2022 vor: ein Inklusionshotel, in dem Familien mit Pflegeangehörigen miteinander und voneinander urlauben können. Der tägliche Pflegeaufwand soll von hoteleigenem Pflegepersonal zur Entlastung der Familien geleistet werden.

Wochen des Aktenstudiums und der Recherche legten die Gründe frei, warum die diversen Konzepte und Entwürfe, Machbarkeitsstudien, Ausstellungen und Workshops und sonstigen Initiativen durchweg scheiterten: an den stereotypen Einwänden der Landesdenkmalpflege in Braunschweig, die nicht nur das von dem vormodernen Architekten Tessenow geschaffene Schul- und Internatsgebäude, sondern die Gartenanlage gleich mit unter Denkmalschutz gestellt hatte, ohne die eigentlichen freigeistigen Initiatoren und Gründer großer Worte zu würdigen.

Durch die Landesdenkmalpflege seit 42 Jahren blockiertes „Filetstück“ im Zentrum Steinhorsts. Genau hier planen wir einen künstlerisch wertvollen Erweiterungsbau für das Projekt: begegnung | debatten | kultur | jugend+familien | hotel | Synthesis!, der gleichzeitig mahnend an die Freiheitsbestrebungen der jüdischen Lehrer- und Schülerschaft erinnert.

These: Nichts als „Tessenow“!

Judendeportationen in Nord-West-Deutschland in die Vernichtungslager. – Tessenow-Schüler Albert Speer sorgte für die ersten „Entwohnungen“ von 70.000 Juden in Berlin, um Hitlers Traum von der gigantomanischen Welthauptstadt „Germania“ zu beginnen.

Stutzig machte uns recht schnell, dass der ursprüngliche Zweck des Gebäudes – Lehrlingsheim für jüdische Jugendliche – als eine Art profaner Nebensächlichkeit politisch kaum gewürdigt wurde. Bei genauerem Hinsehen schält sich jedoch heraus, dass von dem Gründer, Alexander Moritz Simon, und seiner nach dessen Ableben tätigen Simon’schen Stiftung ein reichsweites, ja sogar europaweites Freiheits- und Integrationssignal für die jüdischen Deutschen ausgegangen war. Simons Ansatz würde man heute vielleicht als „sanfte lnklusion“ beschreiben. Ängsten und Aversionen gegenüber den jüdisch Gläubigen sollten nach seinen Vorstellungen systematisch der Boden entzogen werden, um die 1871 verbriefte Gleichstellung der Juden Verfassungswirklichkeit werden zu lassen.

Und es gab auch keine besonderen Anstrengungen, das Steinhorster Geschehen in den Gesamtkontext der deutschen Geschichte einzuordnen (wilhelminisch-preußisches Reich mit all seinen politisch-antisemitischen Verstrickungen bis zur Installierung der NS-Diktatur mit ihrer Vernichtungsmaschinerie gegen politische Gegner, vor allem aber Juden und andere rassistisch Verfolgte).

Man könnte deshalb glauben, es habe sich bei Steinhorst um eine idyllische Insel gehandelt, an der der Kelch des Rassenwahns vorbeigezogen wäre, nur weil die Schule noch vor dem 1. Weltkrieg aus ökonomischen Gründen geschlossen wurde. Die simon’sche Gartenbauschule Ahlem legt einen anderen Blick frei: In den 1940er Jahren wurde dort durch die Gestapo gefoltert und gemordet, weit über 2.000 Menschen deportiert.

Alles „Tessenow“! – Wurden die demokratischen Freiheitssignale des jüdischen Bankiers Simon 42 Jahre lang von der Landesdenkmalpflege übersehen oder gar ignoriert?

Auch gab es keine tiefergehende Kongruenz der geistigen Standorte von Simon und Tessenow, wie in den verschiedenen Denkmalbegründungen behauptet: Nur Tessenow war glühender Patriot und ein ausgewiesener Anhänger der vielfältigen Lebensreformbewegung, die er in der Gartenstadt Hellerau gestalterisch auslebte. – Simon war dagegen ein konservativer Bankier und Kosmopolit, als zeitweiliger Konsul in den USA kann man ihn getrost als frühen Globalisten bezeichnen. Er war vor allem ein aufgeklärter Humanist und Philanthrop, der die verarmten städtischen Juden in gediegene Handwerks- und landwirtschaftliche Berufe bringen wollte, um sie von dem negativen Image der wenig gelittenen Tandler und Haustürverkäufer zu befreien.

Antithese: „Diese Künstler … sind die (Vorkämpfer) und Repräsentanten des Faschismus in der Kunst.“

Der Berliner Kunst- und Theaterkritiker, Bruno E. Werner, schreibt im Mai 1933: Tessenow, Poelzig, Mies van der Rohe u.a. müssten vor „überzogener Kritik“ von NS-Vertretern in Schutz genommen werden, denn „diese Künstler und keine anderen sind die Repräsentanten des Faschismus in der Kunst! … Gerade (sie sind) auf ihre Weise Vorkämpfer der nationalen Gesinnung in der Kunst …, Männer, die dem Materialismus wie dem Liberalismus Feindschaft angesagt hatten.“ (zitiert nach Werner Durth, „Biographische Verpflechtungen 1900-1970“, ergänzte Auflage von 2001, S. 92).

Der Davidstern war zunächst Symbol für die Verbindung von Gott mit den Menschen und wurde von Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen als Talisman getragen.

Der Davidstern drückt mit seinen entgegengesetzt gedrehten und ineinander verschlungenen Dreiecken die sich ergänzenden Dualitäten von männlich-weiblich, Leben und Tod, Feuer und Wasser etc. aus. – Heute prägt der Davidstern die israelische Flagge und symbolisiert die Befreiung und die Wehrhaftigkeit der Juden.

Siedlungshäuser des zum „Gottbegnadeten“ Erkorenen als stilbildende „Puzzle“-Teile in Himmlers „Plan Ost“.

Tessenows Siedlerhäuser galten als Vorbild im permanent erweiterten, imperialen „Plan Ost“ zur Unterwerfung, Vertreibung und Vernichtung von 30 Millionen Slawen und Juden, um diese durch 5 Mio. „Volksdeutsche“ zu ersetzen. Mithilfe des einheitlichen agro-romantischen Siedlungsstils sollte sich der „Arier“ in Polen, Rusland und den sonstigen östlichen Kolonien „heimisch“ fühlen. Auch die Rückwirkungen dieses gleichgeschalteten Baustils auf das „Altreich“ wurde von Himmler antizipiert, um die – aus NS-Sicht- baulichen „Entartungen“ der Weimarer Republik später noch schleifen zu können.

Hitler und Goebbels haben Tessenows Beispiel gebendes Wirken hoch angerechnet, denn er war ein Meister der Vermittlung gleichgeschalteter Eindimensionalität an der TU Berlin, die sich bestens als „volksdeutsche“ Abgrenzungskultur begründen ließ. Vermutlich deshalb haben Hitler und Goebbels ihn in den „erlesenen“ NS-Olymp der 378 „unersetzlichen gottbegnadeten“ Kulturschaffenden aufgenommen, und ihm seine fehlende offene Parteinahme für das NS-Regime augenzwinkernd verziehen.

Synthese: begegnung | debatten | kultur | jugend+familien hotel | Synthesis! – gestaltet als MAHNMAL für das demokratische Freiheits- und Demokratiestreben der Simon’schen Ausbildungsstätten gegen völkische Ausgrenzung und Rassismus, einerseits, und als DENKMAL für den frühmodernen Architekten Tessenow.

Ahlems Vorbild folgend enstanden etwa 180 ähnliche Schulen der„Hachschara“-Bewegung in den 1940er Jahren, die aber aufgrund des fortgeschrittenen Nazi-Terrors nur noch der „Tauglichmachung“ für die Emigration dienten und von den Nazis mitunter sogar geduldet wurden. Einer behördlichen Hamburger Untersuchung zur Bevölkerungsentwicklung zufolge konnten über diese „Ausbildungsschiene“ etwa 66.500 Menschenleben vor ihrer Vernichtung gerettet werden.

Erstes Entwurfsschlaglicht aus der Feder des renommierten Architekten Alexander Ballau Hillersee.

Das Bestandsgebäude der Landwirtschaftsschule (rechts) soll weitestgehend im Original erhalten bleiben. Der damit verbundene Neubau links soll weitere Hotelzimmer und das Restaurant des begegnung | debatten | kultur | hotel Synthesis aufnehmen, und gleichzeitig als Mahnmal für das Freiheitsstreben Simons und seiner Lehrer- und Schülerschaft dienen. Diese Funktion übernimmt eine der Fassade vorgelagerte selbsttragende Stahlkonstruktion, sowie Skulpturen, die Elemente jüdischer Freiheits- und Kultursymbole wie den Davidstern, die Menora (Gottes Licht) oder die Chamsa (schützende Hand) künstlerisch integrieren.

Simon’sches Freiheitsstreben und Tessenows Streben nach einer feudal-konservativen „Revolution“ erlauben in einem dualen DENK+MAHNMAL eine aufregende diskursive Zeitreise, die Kulturtouristen, Schulklassen und Studenten bis ins Ausland nach Steinhorst anziehen wird. Das Konzept: begegnung | debatten | kultur | jugend+ familien hotel | Synthesis! verspricht eine lebendige Erinnerungs- und Begegnungskultur im Sinne nachhaltiger Ortsentwicklung!

Waschraum der ehemaligen Gartenbauschule Steinhorst. David-Sterne verzieren umrandend den originalen Steinboden.

Teil 2 Synthesis-Nutzungskonzept: Statt „Babylon Steinhorst“ Versuch einer neuen Denkmals-Einordnung zum maximalen Nutzen für Steinhorst!

Wir hatten eigentlich gehofft und erwartet, dass sich nach einer ersten Vorstellung unseres neuen Nutzungskonzepts: begegnung | debatten | kultur | hotel Synthesis! die Wogen etwas glätten und bei allen am „Haus der Gemeinde“ (HdG) Interessierten der Blick nach vorne richten würde, um nicht nur für das , HdG selbst, sondern letztlich für Steinhorst die beste Entwicklung anzustossen.

Nun scheint es so, als ob die bei einer derart fundamentalen Auseinandersetzung (Tessenow- oder Simon-Verehrrung) entstandenen Blessuren und politischen wie persönlichen Animositäten (für die wir durchaus Mitverantwortung übernehmen) noch zu frisch sind, um nach These und Antithese rasch und lautlos zu einer Synthese übergehen zu können. Wozu aber letztlich keine balancierende Alternative besteht.

Wir versuchen deshalb eine Schnittmengenbestimmung unter Berücksichtigung der Interessen der verschiedenen Protagonisten:innen und wie diese in unserem Nutzungskonzept möglichst ohne Einbußen aufgehen können:

Maximale Erhaltung des Bestandsgebäudes mit weitgehend originärer Nutzung wird Tessenow-Verehrer:innen erfreuen

Im Rahmen unseres Konzepts soll das Bestandsgebäude für Übernachtungen kleinerer und mittlerer Jugendgruppen und junger Erwachsener genutzt werden und bewusst an der Lebensatmosphäre der ehemaligen Gartenbauschule von 1910 erinnern und anknüpfen. Dabei sollen heutigen Hygiene- und Gebäudetechnikstandards, sowie Bedürfnissen nach gewisser persönlicher Intimität in sanfter Weise Rechnung getragen werden.

Schlafräume für jugendliche Besucher: „Auf den Spuren der Geschichte“ die jüdische Gartenbauschule von 1910 erleben.

Die jüdische Küche wird reaktiviert und zu jüdischen, aber auch anderen internationalen Kochkursen für Jung und Alt genutzt. Biologisch wertvolle Gemüse und Kräuter werden in gewissem Rahmen im Garten und/oder bei kooperierenden Steinhorstern angebaut.

Wie in früheren Zeiten werden Ausbildungsräume bereitgehalten, die gleichzeitig Vortrags-, musealen und multimedialen Dokumentationscharakter für Hotelgäste und Besucher tragen.

Die Räumlichkeiten sollen auch für Weiterbildung und pädagogische Angebote – in Anlehnung an die von Tessenow mit beeinflusste lebens-reformerische Gartenstadt Hellerau – genutzt werden.

Das Bild zeigt das Dachgeschoss des Tessenow-Baus mit seinen optionalen Möglichkeiten.

Der Ratssaal wird zum Ausschank und zur geselligen Begegnungsstätte der Hotelgäste mit den Dorfbewohner:innen. Freizeitbetätigungen wie Billard, Tischtennis etc. finden in den langen Fluren – evt. auch unter dem Dach (Kino-, Multimedia, Theater) – ihren Platz.

Der Ratsaal wird zum Gastraum mit Ausschank, wo sich internationale Gäste und die Seinhorster Bevölkerung treffen und kennenlernen können – vielleicht auch Freundschaften schließen…

Gläserne „Verbindungsbrücke“ zum jüdischen Freiheitsmahnmal

Das Bestandsgebäude wird mithilfe einer „Glasbrücke“ auf Erdgeschoss- und erster Obergeschossebene mit dem zu errichtenden modernen Hotelbau verbunden, der durch eine vorgesetzte, selbsttragende Metallfassadenkonstruktion aus jüdischen Freiheits-Symbolen einen Mahnmal-Charakter erfährt.

Die „Glasbrücke“ nimmt auch den Haupteingang zu beiden Gebäuden, das Hotelfoyer und die Aufzuganlage auf.

Die „glässerne Brücke“ dient als Haupteingang, Foyer und Verbindung zwischen jüdischem MAHNMAL und Tessenow DENKMAL.

Der ehemalige jüdische Ziergarten soll zwischen beiden Gebäuden nachempfunden werden.

„Simon“-Neubau als filigranes Kunstwerk mit mahnendem internationalen Freiheits- und Demokratiebezug

Der „Simon-Neubau“ wird als ein modernes und nachhaltiges Hotel geplant, dessen Fassade weitestgehend hinter der filigranen selbst tragenden, künstlerisch gestalteten Stahlkonstruktion versteckt bleibt. Etwa 25 Komfortzimmer mit praktischen Erweiterungsmöglichkeiten für Kinder oder zu betreuende Pflegefälle sind geplant. Ein Restaurant mit abteilbarem Veranstaltungs- bzw. Konferenzraum ist vorgesehen. Die Küche befindet sich im UG. Ob ein Giebel- oder Flachdach mit Dachterrasse eingesetzt wird, steht noch offen.

In Teil 3 unseres Nutzungsplans werden wir voraussichtlich erste Entwürfe von Alexander Ballau veröffentlichen.

An der Grundschule „Kunterbunt“ in Steinhorst geht es einstweilen auch politisch recht kunterbunt zu

Im Streit um die Schulordnung und die Eltern- und Schülerrechte auf Information und Meinungsfreiheit will die Schulleitung trotz tollpatschiger Pannen nicht einlenken. Ein betroffenes Elternpaar hat Dienstaufsichtsbeschwerde bei der Schulaufsicht in Braunschweig eingelegt. – Eltern und Schüler dürfen gespannt sein …

Hatte Tessenow womöglich „Dreck am Stecken“ (Frage von Bürgermeister Percy Pfeiff)? – Viel schlimmer, er orchestrierte im Hintergrund umfassend die anti-moderne völkische „Rolle rückwärts“, die den Nazis später sehr zupass kam!

So oder so bedienten die agro-romantisierenden Traditionalisten, aus der Deckung der Heimatschutzbewegung und des Werkbundes heraus, und noch verstärkt im deutschen Architektenstreit zwischen Moderne und völkisch reaktionärer „Rolle rückwärts“ (Dr. Bernhard Wiens), das Verlangen des Nationalsozialismus nach einer „germanischen Kultur“ und arisch-darwinistischen Selektion, die das NS-Regime mit „Blut und Boden“-Vorstellungen verwebte, und als „seine“ ideologische Basis für seinen antisemitischen Vernichtungsfeldzug und Angriffskrieg vorgab.

Den von uns aufgeworfenen Widerspruch der Denkmalpflege, gleichzeitig und gleichberechtigt den um Freiheit und Aufklärung ringenden Juden Alexander Moritz Simon neben dem Mitglied der „unersetzlichen“ Funktionselite der Nazis, Heinrich Tessenow, setzen zu wollen, würdigte der Steinhorster Bürgermeister, Percy Pfeiff (CDU) ungläubig, auch „ohne genauem Befassen mit den Untersuchungen“ von EM Euro Medical, in etwa so: „Wenn der Dreck am Stecken haben sollte, geht das natürlich nicht“. Etwas differenzierter, aber dennoch milde, urteilt das Dresdner Stadtmuseum nun etwas aufgeklärter als bei Ausstellungsstart: „Während der NS-Zeit verhielt er sich relativ unauffällig – biederte sich nicht an, opponierte aber auch nicht. Auch ohne NSDAP-Mitgliedschaft konnte er weiterhin als freier Architekt praktizieren und stand auf der „Gottbegnadeten-Liste“ von Joseph Goebbels„. – Wie hat er das nur für sich und sein Umfeld folgenlos geschafft?

Kein Widerstand gegen Juden diskriminierende Nazi-Weisungen

Zu viel weitreichenderen Ergebnissen kommt Corinna Isabel Bauer in ihrer Dissertation: „Bauhaus- und Tessenow-Schülerinnen – Genderaspekte im Spannungsverhältnis von Tradition und Moderne“, Inaugural-Dissertation im Fachbereich Architektur – Stadtplanung – Landschaftsplanung der Universität Kassel“. Dort schreibt die Autorin: „Auch gewannen wir den Eindruck, dass von den beiden Professoren der TU-Berlin Charlottenburg, Poelzig und Tessenow, kein nennenswerter Widerstand gegen Juden diskriminierende Nazi-Weisungen zu erwarten war. … Auch wenn das Seminar selbst nicht der Ort politischer Agitation war und Tessenow sich dezidiert politischen Stellungnahmen enthielt, so bot doch gerade dieser – im Spektrum der Entwurfsseminare – vermeintlich apolitische Rahmen auch gegenüber AnhängerInnen der ‘neuen Bewegung’ (der NSDAP) entsprechend großzügige Toleranz„.
Bauer schreibt weiter: „Bei zunehmender Politisierung der TH Charlottenburg kennzeichnete eine unentschieden abwartende Skepsis anscheinend die Haltung der meisten Verantwortlichen innerhalb der Architekturfakultät. Sowohl bei der Entlassung jüdischer Kollegen 1933 wie der zunehmenden Verschärfung der Studienbedingungen für jüdische Studierende übten sich die etablierten Architekturprofessoren bestenfalls in vornehmer Zurückhaltung.“ (ebd.).

Jüdische Gedichtmanuskripte von Camill Hoffmann vor dessen Deportation ins KZ Theresienstadt an Tessenow verschickt: Annahme verweigert!

In der Ausstellungs-Website des Dresdner Stadtmuseums erfahren die Besucher dann doch noch etwas mehr über Tessenows Haltung gegenüber den verfolgten Juden: „Er habe die politischen Ereignisse mit Distanz beobachtet„, und sei sogar als »Kommunistenfreund« und »Judenknecht« angefeindet worden. „Der Jude Camill Hoffmann, einige Jahre Feuilletonredakteur der Dresdner Neuesten Nachrichten, würde das vermutlich nicht bestätigen, denn als er vor seiner Deportation nach Theresienstadt seine Gedichtmanuskripte zur Aufbewahrung an Tessenow schickte, soll der die Annahme verweigert haben“ (Dresdner Stadtmuseum)..

Tessenow als findiger Strippenzieher im Hintergrund des Architektenstreits

Unter dem Titel „Hausbau und dergleichen…“ berichteten wir bereits über Tessenows führende Rolle im deutschen Architektenstreit, in dem die reaktionäre Heimatschutzbewegung und auch der Werkbund – beiden gehörte Tessenow mit beachtlichem Einfluss an – die späteren Nazi-Positionen antizipierte mit der Intention: „Rolle rückwärts in das Jahr 1800!“.

https://www.euro-medical.de/wp-admin/post.php?post=1361&action=edit

Organisierten sich die führenden Vertreter der avantgardistischen „Moderne“ im „Ring“, dem sich Tessenow zunächst als „Vermittler“ anschloss, gründete der Rechtsaußen Schmitthenner der Stuttgarter Schule die Gegenvereinigung „Der Block“. Tessenow mischte in dem Architektenstreit kräftig mit, ohne allerdings in den Block überzutreten und verfolgte offensichtlich die Strategie, die Auflösung des „Rings“ von innen heraus zu betreiben.

So musste sich Schmitthenner von Tessenow später vorhalten lassen, dass seine (Tessenows) eigenen Bemühungen um eine „Selbstauflösung“ des „Ring“ durch die Block-Gründung (sogar) durchkreuzt worden seien.“ (Wolfgang Voigt, „Paul Schmitthenner im Architektenstreit in den 20er bis 50er Jahren“, S. 70, http://beta.voigt-architektur.com/wp-content/uploads/2019/10/WolfgangVoigt-Paul-Schmitthenner-im-Architekturstreit-der-zwanziger-bis-f%C3%BCnfziger-Jahre.pdf ).


Tessonows freundschaftliche Nähe zu Schmitthenner und sein Vertrauen in dieses NSDAP-Mitglied blieb dennoch ungebrochen, als dieser bereits auf direktem Weg war, sich den Nazis als Chefarchitekt anzudienen. Denn für die nationalsozialistische Kulturpropaganda war Schmitthenner, ganz ähnlich wie
Tessenow, gerade wegen deren vorgeblich unabhängigen Haltungen interessant. Deshalb begrüßten die Leute um den NS-Kulturführer Rosenberg „jede Persönlichkeit, jede Leistung, die den Kampf für die deutsche Sache führt, wenn sie auch außerhalb unserer engeren Kampfgemeinschaft steht oder scheinbar noch verkettet ist mit international eingestellten Interessen- und Intelligenzkreisen“ (ebd.).

52 Professoren treten 1932 für die Wahl der NSDAP ein – Tessenow ermutigt den Nazi-Architekten Schmitthenner zu einer führenden politischen Position im NS-Kulturregime.


„Im Juli 1932 ging Schmitthenner noch einen Schritt weiter und unterzeichnete, gemeinsam mit 51 anderen Professoren, kurz vor den Reichstagswahlen einen in der Presse abgedruckten Wahlaufruf: ‚Deutsche Geisteswelt für den Nationalsozialismus‘.

Die Reaktionen auf dessen Bekenntnis waren zwiespältig: „Für Martin Wagner (SPD,Stadtbaurat und Architekt) war er ein „Konjunkturritter“, während Heinrich Tessenow ihm noch am Tag nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler versicherte, dass er seinen Schritt in die Politik … heute übrigens für sehr richtig halte“. (Dito. S. 74). – Die Rolle des Chefarchitekten Hitlers wurde allerdings, nach einem Rückzieher Schmitthenners, tatsächlich von dem Tessenow-Schüler Albert Speer eingenommen.

CDU-Bürgermeister Percy Pfeiff vergeigt die Neunutzung des Hauses der Gemeinde in Steinhorst!

Offener Brief an Bürgermeister Percy Pfeiff und seine CDU-Mehrheitsfraktion vom 02.11.2023: Erinnerungskultur statt „Versöhnungstheater“ (Max Czollek)!


Sehr geehrter Herr Bürgermeister,


nun ist der Super-Gau für eine angemessene Nutzung des HdG eingetreten: Der von
seiner wirtschaftlichen Bonität her wohl beeindruckendste Interessent wurde von der
Denkmalpflege nach nunmehr 4 jährigem Bemühen (!) endgültig vergrault und hat sich
komplett zurückgezogen. Die Sparkasse war nach eigenem Bekunden aber auch von Ihrer
politischen Hilflosigkeit gegenüber den Denkmalschutz-Behörden enttäuscht. …

Dass Sie offensichtlich nicht willens waren, kreativ Partnerschaften und Mehrheiten für
eine starke politische Position der Gemeinde zu organisieren, um eine so wichtige städtebauliche,
sozial-kulturelle und wirtschaftliche Angelegenheit voran zu bringen, wollen wir
an nur drei Beispielen zeigen:


 1. Auf der Bürgerversammlung am 03.03.2023 haben Sie das Thema geheimnisvoll
umschifft, statt den Meinungsbildungsprozess in der Dorfbevölkerung anzustoßen
und diese in der Auseinandersetzung mit der Denkmalpflege einzubinden.
 2. Warum hatten Sie den potentiellen Mieter Sparkasse CGW wie eine Geheimsache
behandelt, statt diesen z.B. mit uns zusammenzubringen, um ein synergetisches
Vorgehen auszuloten und ggf. zu ermöglichen? – Mit einer langfristigen verbindlichen
Mietzusage in der Tasche wäre die Finanzierung für unsere erste Inklusionshotelidee
bzw. unsere aktuelle Nutzungsversion: begegnung | debatten | kultur |
jugend + familienhotel | Synthesis längst in trockenen Tüchern! Für die Sparkasse
kam diese spannende Option leider nur zu spät!
 3. Obendrein legen Sie sich mit uns als vermutlich aktuell einzig verbleibendem
Interessenten an, nur weil wir unbequeme Fragen zu den Denkmalinhalten und
Begründungen aufwerfen, die letztlich das enorme Potenzial in sich bürgen, die
frevelhaften Maximen der Denkmalpflege zum Tanzen zu bringen. Denn diese Maximen
widersprechen der aktuell so stark problematisierten Staatsräson, die Erinnerungskultur
und die Abwehr von offenem oder subtilem Antisemitismus anmahnt.



Ob die Denkmalpflege oder die Gemeinde gesamt-strategisch gewinnen wird, wird sicher
nicht in Steinhorst entschieden. Dafür ist die Interessenslage nach unangefochtener
Durchsetzungsfähigkeit bei der Denkmalpflege und dem zuständigen Landesministerium
viel zu hoch aufgehängt.
Aus diesem Grund ist sicherzustellen, dass sich maßgebende geschichts- und politikwissenschaftliche
Einrichtungen, sowie die meinungsführenden Feuilletons unserer Republik
mit den einstigen protofaschistischen versus jüdisch-aufklärerischen Bestrebungen der
Akteure rund um die ehemalige Landwirtschaftsschule breit beschäftigen. Vor allem, wie
diese im HdG heute aufzuarbeiten sind, damit die Erinnerungskultur nicht zu einem zynischen
„Versöhnungstheater“ verkommt (Max Czollek).
Parallel ist es erforderlich, dass sowohl der Gemeinderat, als auch die Mehrheit der hiesigen
Bevölkerung zu dem Sachverhalt eine wissensbasierte Position einnehmen kann.
Dies steigert unsere gemeindliche Durchsetzungsfähigkeit und bewahrt uns davor, dass
uns womöglich die großen Blätter und visuellen Medien bundesweit als „provinziell“ einstufen.
Denn die Steinhorster haben weder das Scheitern aller Nutzungsideen zu HdG,
noch eine derartige Herabwürdigung durch Ihren unzureichenden Einsatz verdient! Beides
werden die Steinhorster sicherlich nicht dauerhaft zulassen.
Leider haben Sie auf unseren letzten Brief nicht geantwortet, der zugegeben, nicht besonders
schmeichelhaft für Sie war. Dennoch wiederholen wir unser Angebot, die Gemeinde
mit unserer breiten Expertise – unabhängig von unserem Interessentenstatus –
zu unterstützen und unsere feinmaschige Strategie zur Diskussion zu stellen.
Wenn wir allerdings Nichts von Ihnen bis zum 10.11.2023 hören, müssen wir davon ausgehen,
dass Sie, vielleicht auch zähneknirschend, in der Bewertung des Denkmals HdG
eher auf der Seite der Denkmalpflege stehen. In diesem Fall sähen wir uns genötigt, die
Auseinandersetzung mit der Denkmalpflege auch auf den Gemeinderat zu übertragen
und öffentlich mit Ihnen zu führen.


Wir bitten um Ihr Verständnis für unser Vorgehen, das uns staatsbürgerlich zwingend erforderlich
erscheint.


Mit freundlichen Grüßen
EM Euro Medical
Health Care Projects + Products KG
Gero Hoffmann

Tessenows Entwürfe vorbildlich für Himmlers „Plan Ost“, der die Vertreibung und Ermordung von 30 Mio. Juden und Slawen vorsah.

Die „einfachen Gedanken“ der Nazis waren auf die Beraubung, Vertreibung und Ermordung von mehr als 30 Millionen jüdischen und slawischen Menschen gerichtet, die durch 5 Millionen korrumpierte „arische“ Siedler ersetzt werden sollten. Raubmord in derart gigantischem Ausmass verlangte eine umfassende und generalstabsmäßige Vorbereitung, die durch das unter Heinrich Himmler stehende Reichsministerium für Volkstum geleistet wurde.

Aber auch für den Architektenstand und dessen Ausbildungseinrichtungen wurde dieses Ziel zu einer Herausforderung. Denn die arischen Siedler sollten sich in dem gestohlenen Land „heimisch“ fühlen können. So wurde 1940 eigens eine Baufibel für die ’neuen‘ Gebiete nach dem Überfall auf Polen mit dem Titel: „Der Osten“ herausgegeben, „in der die personelle und gestalterische Kontinuität vom Kaiserreich zur nationalsozialistischen Diktatur deutlich (wird). (Rainer Schmitz, „Heimat. Volkstum. Architektur.“, S.204).

So hieß es dort: „Noch 1941 gäben die Grundlagen aus dem Kriegsjahr 1917 der heutigen Baugesinnung einen entscheidenden Unterbau… Weitere wurden von im Kaiserreich tätigen Heimatschutzarchitekten wie …Heinrich Tessenow … beigesteuert.“ (ebd.). „Der vermeintliche Sonderfall der künstlich erzeugten Heimat im Osten wurde wiederholt (auch) zum ‚Vorbild‘ für das nunmehr sogenannte ‚Alt-Reich‘ erklärt.“

Parallelen zwischen Tessenows Auffassungen und der NS-Ideologie.

Albert Speer berichtet über die Politisierung der TU Berlin in 1931: „Unsere Technische Hochschule war inzwischen zu einem Zentrum nationalsozialistischer Bestrebungen geworden. Während die kleine Gruppe kommunistischer Architektur-Studenten vom Seminar Professor Poelzigs angezogen wurde, sammelten sich die nationalsozialistischen bei Tessenow, obwohl dieser (laut Speer) ein erklärter Feind der Hitler-Bewegung war…“ . Weiter berichtet Speer über seinen von ihm bewunderten Lehrer: „Es gab jedoch unausgesprochen und unbeabsichtigt Parallelen zwischen seinen Lehren und der Ideologie der Nationalsozialisten“.

Ob wahrheisgetreu oder einfach zur Selbstentlastung (Speer sah sich ja selbst als unpolitisch und Verführter der Nazis an) mutmaßte er über seinen Lehrer: „Sicherlich war sich Tessenow dieser Parallelen nicht bewußt. Ihn hätte der Gedanke an eine Verwandtschaft zwischen seinen Vorstellungen und nationalsozialistischen Auffassungen zweifellos entsetzt„. Zitiert nach Werner Durth, „Deutsche Architekten, Biographische Verpflechtungen 1900 – 1970“, S. 59.

Dieses „Entsetzen“ muss sich in Grenzen gehalten haben. Denn Tessenow galt als Patriot und vertrat die Meinung, daß die Kunst aus dem Volk erwachse (also volksdeutsch sei). Dieser Ansatz brachte ihn ideologisch schon sehr in die Nähe der Nationalsozialisten. „Etwa 1931 soll er, so Speer, vertreten haben: ‚Es wird wohl einer kommen müssen, der ganz einfach denkt. Das Denken ist heute zu kompliziert geworden. Ein ungebildeter Mann, gewissermaßen ein Bauer, würde alles viel leichter lösen, weil er eben noch unverdorben ist. Der hätte auch die Kraft, seine einfachen Gedanken zu verwirklichen.'“ (ebd., S. 60). – Weil die übergroße Mehrheit der Kleinbürger, Handwerker, Bauern und Selbständigen (im Gegensatz zu den Arbeitern, die 1933 fast geschlossen entweder für SPD oder KPD stimmten) so dachten und auf dererlei einfache Lösungen setzten, kam zwar kein Bauer, dafür aber der Gefreite Hitler 1933 an die Macht.