„Für jede sechste Lehrkraft (18 %) sind die Erziehungsberechtigten die größte Herausforderung im Job“. Zu diesem Ergebnis kommt schon 2024 das „Deutsche Schulbarometer“, eine Umfrage der Robert Bosch Stiftung: „Entweder die Eltern kümmern sich kaum oder gar nicht um den schulischen Alltag ihrer Kinder, … oder sie haben besonders hohe Erwartungen an Schule und Lehrer“.
Einige Eltern würden Schule und Lehrkräfte eher als Gegner wahrnehmen, klagt der Deutsche Lehrerverband (DL), der immerhin 160.000 Lehrer vertritt. „Im Extremfall werden Lehrkräfte verbal oder sogar tätlich angegriffen…. Sie pöbeln Lehrer an, verklagen Schulen, beschweren sich beim Ministerium: Einige Eltern sind der Albtraum für Lehrer“.
Konflikte über Verhalten und Noten eskalieren
Worum geht es bei diesen Auseinandersetzungen so vehement zwischen Eltern und Lehrern? – Nach Ansicht des DL um „Konflikte um das Verhalten oder die Noten der Kinder, die regelrecht eskalieren können, Eltern drohen mit dem Anwalt, richten wegen jeder Kleinigkeit eine Beschwerde an die Schulaufsicht“.
Wundern kann diese Eskalationsspirale nur, wer den Selektionscharakter des deutschen Schul- und Klassen-Sytems nicht erkennen kann oder will. Mit dem Notendruck werden i.d.R. schon in der 4. Grundschulklasse die Weichen für den Zugang zu Bildungsressourcen und damit für spätere Berufslaufbahnen und mitunter Einkommen gestellt, indem die kumulierten Schulergebnisse schon in die entsprechenden „Schulempfehlungen“ einfließen. Wie von Geisterhand findet sich dann der Akademikernachwuchs mehrheitlich auf den gymnasialen Schulbänken wieder.
Ärmere Familien: Nur 32 % mit Gymnasialempfehlung
Der Bildungsbericht 2024 zeigt, dass nur 32 % der Kinder aus ärmeren Familien eine Gymnasialempfehlung erhalten, während es in besser gestellten Familien 78 % sind. Denn wohlhabendere Eltern verfügen i.d.R. selbst über höhere Bildungsabschlüsse, bessere finanzielle Mittel und oft auch über mehr verfügbare Zeitkapazitäten, um ihren Nachwuchs effizienter fördern zu können.
Obwohl die Gymnasien von allen Schultypen über die meisten finanziellen Mittel verfügen. und den Zugang zu den leistungsstärksten Schülern gesichert bekommen, die sie, so das gymnasiale Erfolgsversprechen, in möglichst leistungshomogene Klassen stecken, wird deren Erfolg offiziell nur vage validiert. So wird kein statistischer Nachweis darüber geführt, wie viele ursprüngliche Einsteiger eines bestimmten Gymnasiums am Ende mit Abitur auch wieder herausgehen. – Zeitgemäße Bildungsforscher bezweifeln das Konzept der homogenen Zusammensetzung und halten dagegen, wie wichtig Diversität für den Bildungserfolg ist.
Die Wachsamkeit kritischer Eltern bei der Notenvergabe ist durchaus nachvollziehbar. Wer sonst soll den Nachwuchs bei unangemessenen Bewertungen verteidigen, auch wenn die Vorgehensweise einzelner Eltern in dem einen oder anderen Fall überzogen erscheinen mag?
Das narrative Leistungsversprechen ist obsolet geworden
Die Härte und Schärfe, mit denen die Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Schule mitunter geführt werden, sind letztlich Resultat des zu Bruch gegangenen gesellschaftlichen Leistungsversprechens: „Wer sich anstrengt, kommt zu guter Bildung, Wohlstand und Erfolg!“ – Stattdessen sehen viele demgegenüber eine paradox ungerechte, immer ungleicher werdende Gesellschaft der übergroßen Mehrheit immer mehr Gehetzter, einerseits, und der Minderheit leistungslos überreicher Erben, andererseits.
Der Widerspruch der Eltern und der älteren Schüler richtet sich immer mehr gegen die mitunter unerbittlich empfundene Konkurrenz, die die Kultusbürokratie schon frühzeitig in die Klassenzimmer der 9 bis 10 – Jährigen hineinträgt und bis in die Pubertät immer drastischer eskalieren lässt.
Kommt Meister Lämpel auch ohne Notenknüppel aus?
Der Deutsche Lehrerverband (DL) sah seine Mitglieder durch die disziplinierende Wirkung des Benotungssystems über viele Jahrzehnte vor aufsässigen und rebellischen Schülern gut geschützt. Doch im August 2024 warnte der DL dann drastisch: „Renitente oder desinteressierte Eltern gefährden die Gesundheit der Lehrer“.
Bei unserer Recherche zu diesem Artikel stießen wir auf eine Vielzahl von Büchern mit offensichtlich sehr ähnlicher Stoßrichtung in den Titeln: „Schafft die Schule ab“, „Schulinfarkt“, „Chaos im Klassenzimmer“ oder auch „Das Lehrerhasser-Buch“. Am interessantesten erschien uns eine Veröffentlichung aus 2016: „Das Problem sind die Lehrer: Eine Bilanz“ von Sigrid Wagner. Als eine, inzwischen pensionierte, langjährige Vertretungslehrerin gibt sie Einblick in außerordentlich viele Lehrer- und Klassenzimmer unterschiedlichster Schultypen. Sie unterrichtete in 12 Unterrichtsfächern.
Der „Waschzettel“ des herausgebenden Rowohlt Verlages ist so verblüffend, wie niederschmetternd: „Lehrer zu sein, gehört zu den wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft. Doch Deutschlands Lehrer stehen ihren Schülern in vielen Fällen desinteressiert oder autoritär gegenüber. Sigrid Wagner war selbst über 20 Jahre lang Lehrerin und geht mit ihren Kollegen hart ins Gericht. Anhand erschreckender Beispiele aus ihrem Berufsleben offenbart sie die Defizite in deutschen Lehrerzimmern und kritisiert Inkompetenz, Neid und Mobbing unter den Kollegen sowie Machtmissbrauch, Willkür und Schikane den Schülern gegenüber.
Sie meint: Die falschen Menschen werden aus den falschen Gründen Lehrer.“
„Inkompetenz, Neid und Mobbing“
Auf die Frage, was für eine Persönlichkeit gute Lehrer mitbringen sollten, teilt Sigrid Wagner interessante Vorstellungen mit einem Spiegel-Online-Interviewer: „Ein guter Lehrer bringt Leben mit in die Schule. Er sollte eine positiv ausgerichtete, belastbare Persönlichkeit mitbringen.“ Deshalb hofft Wagner „auf die vielen Quereinsteiger, die so etwas mitbringen. … Wir brauchen doch Menschen im Schuldienst, denen man etwas zutrauen und vertrauen kann. Die im Rahmen des Möglichen auf den Schüler zugehen, …Außerdem sollte ein Lehrer Talente entdecken und fördern, dabei darf er keine Unterscheidung vornehmen, was gute oder vermeintlich mindere Talente sind. Die Unterscheidung von „guten“ und „schlechten“ Kindern darf nicht sein.“
Helfen Eltern-Bashing und pauschale Lehrerschelten weiter?
Dem von Wagner entworfenen Idealbild eines Pädagogen können wir nur zustimmen. Allerdings haben wir Zweifel, ob die von Wagner bemühten Quereinsteiger tatsächlich so etwas wie die Rolle einer Avantgarde des Wandels einnehmen können. Auch haben wir grundsätzlich Bedenken, einem ganzen Berufsstand (mit wenigen Ausnahmen) Charakterschwächen zu unterstellen, obwohl der Wiederholungszwang, selbst ertragene Traumata z.B. der Demütigung auch Vertretern der Folgegeneration aufzubürden, in der Psychologie durchaus auch als Massenphänomen bekannt ist.
Ähnlich verhält es sich mit dem Zerrbild des Deutschen Lehrerverbandes über mehrheitlich „desinteressierte“ oder gar „pöbelnde“ Eltern, auch wenn deren Gegenaktionen meist eher Einzelfall bezogen ablaufen und noch keinen politisch-solidarischen Charakter gegen das Schulsystem tragen. – Aber das würde den konservativen Lehrerverband vermutlich erst recht nicht begeistern.
Kooperative Elternschulen suchen die triadische Lerngemeinschaft von Lehrern, Schülern und Eltern
Die Idee der kooperativen Elternschulen setzt dagegen auf die konstruktive Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern, um den Schülern vielfältigere und praxisorientierte Lernkompetenzen zu vermitteln. Da wäre die kritische Vertretungslehrerin Wagner vermutlich auch bei uns dabei Denn nach ihrer Ansicht „hat (auch der staatliche Vorbildlehrer) idealerweise Erfahrung in anderen Berufen … Alle drei Jahre sollte ein Lehrer mal in andere Berufe hereinschauen – oder parallel eine andere Ausbildung haben, damit man auch diese Erfahrung mit einbringen kann.“ (Spiegel Online). – Die kooperierenden Eltern können da mit ihrer schier grenzenlosen Berufsvielfalt eine Menge vermitteln, sozusagen „auf dem kleinen Kooperationsweg“.
Kanzler Merz: Arbeitszeit rauf – Familienzeit runter!
Das Ansinnen der schwarz-roten Bundesregierung, die Arbeitszeit auszudehnen und mehr Eltern bzw. alleinerziehende Fachkräfte in die Vollzeit zu bringen, und gleichzeitig das Recht auf sog.„Lifestyle-Teilzeit“ zu beschneiden, unterhöhlen Elternrechte massiv und können mit keinem weiteren „Betreuungsangebot“ kompensiert werden.
Im Gegenteil: Das Recht auf faire Bezahlung von Betreuungsarbeit muss erstritten werden, damit Kooperative Elternschulen die Professionalisierung der Ausbildungsarbeit der Eltern vorantreiben und den Bildungsnotstand mit den Lehrern gemeinsam beenden können.