Aufforderung an Kultusministerin Julia Hamburg zu Auskunfts- und Mitwirkungsrechten in der Denkmalpflege

Eingabe an Kultusministerin Julia Hamburg zur beschleunigten Einführung eines Informations-Freiheitsgesetzes, zur Demokratisierung des Denkmalschutzgesetzes in Niedersachsen und Errichtung eines dualen Mahn- und Denkmals in Steinhorst

Gero Hoffmann                        0049 05148  910 3877                      03.02.2024

Erweiterung eines Denkmals in Steinhorst zu einem dualen Denkmal / Mahnmal anstelle der unkritischen Ehrung des feudal-faschistischen Architekten Tessenow in einem ehemaligen, um Freiheit und Gleichheit ringenden,  jüdischen Lehrlingsheim!

Sehr geehrte Frau Ministerin,

heute wenden wir uns an Sie, um Ihre Unterstützung für die oben genannten Anliegen einer wahrhaftigen Erinnerungskultur zu erhalten, die leider von dem Leiter des Referats 34, Dr. Graf von Winzingerode,  trotz unserer mehrmaligen Intervention, zuletzt in Form des anliegenden Brandbriefs, nicht ernst genommen werden. Dabei beziehen wir uns nicht nur auf Ihre Zuständigkeit als Kultusministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin, sondern auch auf Ihr herausragendes Engagement im Kampf gegen rechts-nationale Restaurationsversuche und im Gedenkstättenwesen.

Als Projektentwicklungsgesellschaft beschäftigen wir uns mit einer Umnutzung des Denkmals „Haus der Gemeinde“ (HdG) in Steinhorst seit November 2022, nachdem schon einige andere Initiativen über Jahrzehnte hinweg meist an der Denkmalpflege Braunschweig gescheitert waren. Das Niederschmetternde daran ist, dass all diese Zurückweisungen auf mitunter dilettantischen historischen Einschätzungen der Denkmalpflege zu dem Bauherrn Simon, einerseits, und dem vormodernen Architekten Tessenow, andererseits, basieren.

Auf unserer Website www.euro-medical.de haben wir breit belegt, dass es völlig unangemessen ist, einen Architekten mit starker ideologischer Verwandtschaft zum NS-Regime, der Teil der Funktionselite des NS war, ausgerechnet  in diesem Gebäude zuvorderst ehren zu wollen: Denn die von dem jüdischen Bankier Alexander Moritz Simon bzw. dessen Stiftung um 1910 begründete Lehrlingseinrichtung diente dazu,  jüdische Jugendliche in der Landwirtschaft auszubilden, um mit diesem Kampf um Freiheit und Gleichheit den politischen und religiösen Antisemitismus der wilhelminischen Epoche abzuwehren.

Mit Beginn der staatlichen Vertreibung 1933 wurden die drei landwirtschaftlichen Schulen Simons in Ahlem, Peine und Steinhorst Vorbilder für 180 Schulen der Hachschara-Bewegung, die Juden „ertüchtigten“, um ihrer Internierung und Vernichtung durch Emigration entkommen zu können. Immerhin gelang das rund 66.500 Juden auf diesem Weg!

Dr. Graf von Winzingerode ignoriert unseren anliegenden Brandbrief samt allgemeiner Einschätzung zu Tessenow, beide vom 04.01.2024. – Bedauerlicherweise kann sich Winzingerode auf eine unzureichende Gesetzeslage in Niedersachsen stützen, wenn er sogar eine schriftliche Eingangsbestätigung, geschweige Antwort, verweigert:

  • Dies hätte nicht passieren dürfen, wenn das von Ihrer Fraktion schon lange favorisierte Informations-Freiheitsgesetz durchgesetzt wäre.
  • Das Referat 34 verwies in einem früheren Statement, dass nach dem DSchG selbst Bauherren von Denkmälern oder deren NS-affinen Architekten moralisch und ethisch neutral zu betrachten sind.
  • Die über Jahrzehnte währende Blockadepolitik der Denkmalpflege gegenüber Gemeinderat und Dorfbevölkerung, um irgendwie Tessenow doch noch mit dem „Haus der Gemeinde“ als UNESCO-Kulturerbe adeln zu können, zeigt auf, dass es zu wenig Kontrollmechanismen und Mitwirkungsmöglichkeiten der betroffenen Gemeinden und Bevölkerung gibt.
  • Letztlich kann durch diese geheimnisvolle Landespolitik der Verdacht eines subtilen Antisemitismus entstehen, wenn dem reaktionär-patriotischen Tessenow „Denkmal-Vorfahrt“ vor dem um Gleichheit ringenden Juden gegeben wird. – Es ist so nur eine Frage der Zeit, wann clevere Neo-Faschisten das „Haus der Gemeinde“ zum Wallfahrtsort für die „Remigration“ und „ethnische Bereinigung Deutschlands“ missbrauchen werden (was sich ja tatsächlich historisch in der von dem NS aufgenötigten Hachschara-Bewegung widerspiegelte…).
  • Kein Steinhorster glaubt aktuell noch ernsthaft an eine vernünftige Nutzungsperspektive, denn gerade erst ist die Sparkasse CGW als potenzieller Dauermieter kopfschüttelnd nach 4 Jahren(!) Verhandlungen abgesprungen. Auch die Gemeindeverwaltung zieht sich nun in ein ehemaliges Bank-O-Mat-Kabuff  zurück, um die immensen Betriebskosten des Hdg zu vermeiden. – 10 Jahre weiter ist der völlige Verfall des Denkmals zu erwarten!

Wir fordern deshalb eine Demokratisierung des Denkmalschutzgesetzes unddessen Anpassung an die Erfordernisse einer aufrichtigen Erinnerungskultur.

Für Ihre Unterstützung und Ihre zeitnahe Bestätigung bedanken wir uns schon jetzt.

Mit freundlichen Grüßen

EM Euro Medical Health Care Projects + Products KG

Gero Hoffmann                                          

Anlagen: Brandbrief mit Einschätzung vom 4.01.2024

Brandbrief an Graf von Wizingerode, Referat 34 des Kultusministeriums: „Welches Recht kann den ethischen Konflikt zwischen jüdischem Freiheitsstreben und Tessenows ideologisch-künstlerische Steigbügelfunktion für den Nationalsozialismus auflösen?“                                                                                                           

 EM Euro Medical | Health Care Projects + Products KG Kriemhildweg 14 D–29367 SteinhorstGermany Tel.:  +49 (0) 5148 910 3877Fax.: +49 (0) 5148 910 5857E-Mail:   info@euro-medical.de   

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  

Sehr geehrter Herr Dr. Graf von Wintzingerode,

wir kommen zurück auf unseren Schriftwechsel zur denkmal-gerechten Bestimmung des Haus der Gemeinde in Steinhorst, den Sie mit dem Hinweis abgeschlossen hatten, das niedersächsische DSchG würde sich nicht von den ethischen und moralischen Ausrichtungen der jeweiligen Denkmalbauherren und -Baumeister leiten lassen.

Folglich müsste der ethische Widerspruch zwischen einem nach Freiheit strebenden jüdischen Philanthropen Simon, einerseits, und einem Tessenow, der dem NS den ideologisch-künstlerischen Steigbügel schon vor dessen Machtergreifung* vorbereitete, andrerseits, letztlich für den Denkmalstatus folgenlos bleiben. – Eine für Nachkommen des Holocaust und freiheitliche Menschen kaum erträgliche Vorstellung.

*Joseph Goebbels wollte Tessenow für die Formulierung einer eigenständigen NS-Baukunst gewinnen, scheiterte aber 1933 noch an mächtigeren parteiinternen Widersachern wie z.B. Alfred Rosenberg.

Wie aber verträgt sich ein solcher Antagonismus mit dem Grundgesetz, das die Erinnerungskultur einfordert? Wie mit den düsteren Kapiteln unserer jüngsten Geschichte umgehen, wenn belastende Fakten über das nationalsozialistische Unrechts-Regime und seiner Protagonisten beschönigt oder bewusst negiert werden? So, wie das durch die Tessenow-Gesellschaft seit 1991 betrieben wird, und wodurch Politik (vielleicht auch Ihre Behörde in Braunschweig) und Öffentlichkeit u.a. über eine angebliche „geistige Verbundenheit“ ** zwischen Simon und Tessenow getäuscht wurden.

**Glücklicherweise hat Ihre Behörde jüngst die Konsequenz gezogen und die Lebensreformbewegung, (der Tessenow, nicht aber Simon angehörte) als vorgeblich verbindendes Element zwischen Tessenow und Simon’scher Stiftung wieder aus der Denkmalbegründung gestrichen.

Betreibt die Tessenow-Stiftung damit noch lobbyistische Denkmalschutzpolitik oder handelt es sich dabei bereits um den Tatbestand des subtilen Antisemitismus? – Siehe auch Leitartikel auf unserer Website: www.euro-medical.de  

Im Spannungsfeld der beiden entgegengesetzten Rechtskonstellationen (DSchG versus GG) und des zu lösenden ethischen Konflikts bezüglich einer denkmalrechtlichen Tessenow- bzw. Simon-Bewertung halten wir unseren letzten Nutzungsvorschlag immer noch für am angemessensten, den Sie unter dem Link: https://www.euro-medical.de/?s=Nutzungsidee  veröffentlicht finden. Wir wollen diesen aber wie folgt ergänzen:

  1. Die Tessenow-Architektur kann Interessenten im und am Bestandsbau erläutert und demonstriert werden; aber auch Tessenows widersprüchliche geistige Wurzeln in den  Heimatschutz- und Lebensreformbewegungen etc. können einem jungen Publikum verständlich gemacht werden, dass sie objektiv dem NS als Steigbügel für eine völkisch-reaktionäre Kunstauffassung dienten. – Im Gegensatz zu unserem ursprünglichen Vorschlag trüge dieser Hotelbereich mehr den Charakter einer modernen Jugendherberge und könnte auch preisgünstige Familienapartments offerieren.
  2. Der Anbau würde als Simon-Mahnmal gestaltet und gleichzeitig als Seminar- und Kulturhotel (in Kombination mit dem Bestandsbau), mit besonderem Schwerpunkt Erinnerungskultur, genutzt werden.
  3. Moderne Haus- und Heiztechnik könnte vom Simon-Bau auch für den Bestandsbau zur Verfügung gestellt werden, ohne zu tief in die historische Bausubstanz des HdG-Gebäudes einzugreifen.

Natürlich sind wir für alternative Vorschläge offen, solange die beiden Protagonisten, Simons und Tessenow, nicht in ihren ideologischen Ausrichtungen unangemessen miteinander vermengt werden.

Wir würden diese gerne, auf Wunsch, mit unserer Expertise als Projektentwickler und ggf. auch als Betreiber begleiten. Wir empfehlen aber schon jetzt dringend, die Denkmalnutzung dahingehend umzuschreiben, dass eine angemessene großzügige Zusatzbebauung mit obiger Mahnmal-Bestimmung zugelassen wird. – Dies wäre sicher im Sinne der Mission Simons, seiner Stiftung und Schulen!

Es wird Sie sicher interessieren, dass wir zwischenzeitlich unsere historischen Untersuchungen zu Heinrich Tessenows Wirken deutlich erweitert und vertieft haben. Die Ergebnisse sind in anhängendem „Abstract“ zusammengefasst. Auf unserer Website finden Sie dieses Abstract ebenfalls, dort aber verknüpft mit zahlreichen Artikeln zu Einzelaspekten und den dazu gehörigen Quellen und Belegen.

Das kürzlich eingetretene Abspringen der Sparkasse CGW sollte Warnung genug sein, dass es für die Fortexistenz eines singulären „Tessenow-Denkmals“ praktisch keine Zukunft gibt.

Ein duales Simon-Mahnmal in Kombination mit einem kritisch-konstruktiven Tessenow-Denkmal dagegen hätte das Potenzial für eine erfolgreiche Bewerbung als UNESCO-Kulturerbe.

Denn ein solches Projekt könnte vorbildlich mithelfen, unsere jüngste dunkle Geschichte lokal weiter aufzuarbeiten und überregional in einem größeren Kontext verständlich zu machen. Überdies würde eine solche duale Lösung auch Simons internationales Engagement und dessen Beispielcharakter vermitteln, was immerhin zur Gründung von ca. 180 ähnlichen jüdischen Bildungseinrichtungen in Deutschland geführt hat.

Seriöse Schätzungen sprechen sogar davon, dass auf diesem Weg  ca. 66.500 junge Menschenleben gerettet werden konnten, weil ihnen die Flucht vor den Nazi-Häschern durch Emigration gelang.

Diese Optionen sollten dem Land Niedersachsen eine solche Investition in unsere Zukunft und Demokratie wert sein!

Wir freuen uns auf Ihre Meinung zu unseren Vorschlägen und stehen gerne für ein Gespräch zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

EM Euro Medical Health Care Projects + Products KG

Gero Hoffmann

Anlage: Abstract [veröffentlicht gegen Ende der Menü-Seite DENK MAL MIT VERSTAND]

Cc: Cordula Reulecke, Denkmalpflege Braunschweig

       Bürgermeister Percy Pfeiff

       Gemeinderäte Steinhorst