Oberster Denkmalpfleger will von Erinnerungskultur nichts wissen. – Wann kommt das Informations-Freiheitsgesetz, das Behörden-Geheimniskrämerei unterbindet – am Beispiel „Haus der Gemeinde“ Steinhorst? Unterstützt Ministerin Hamburg eine Denkmalschutz-Reform?

Im Referat 34 geht es schon ziemlich feudal zu: Zu einer Eingangsbestätigung unseres Brandbriefs zur Einforderung der Erinnerungskultur auch bei einem Steinhorster Denkmal vom 04.01.2024 wollte sich der oberste Denkmalaufseher, Graf von Winzingerode, nicht herablassen, geschweige Position beziehen, obwohl er vor einem halben Jahr noch unsere Auftaktargumentation als „interessant“ und „bedenkenswert“ charakterisierte. – War das, aus heutiger Sicht, doch nur zum Abwimmeln? – Denn inzwischen sind unsere Rechercheergebnisse und Belege zu Tessenows Verwandtschaft mit wesentlichen Teilen der Nazi-Ideologie weit umfänglicher und noch stichhaltiger. Grund also genug für den Grafen, sich seiner „ritterlichen Werte“ der Verschwiegenheit zu besinnen, statt sich auf eine demokratische Lösung in einer öffentlichen Debatte zu bemühen.

Am Telefon ganz überraschend gestellt, begründete Winzingerode sein Unterlassen mit zwei denkwürdigen Hinweisen:

> Die EM Euro Medical verfüge über „kein berechtigtes Informationsanliegen“ (obwohl wir vermutlich als letzter ernsthafter Interessent am Denkmal „Haus der Gemeinde“ verblieben sind – offensichtlich sind wir aber zu unbequem. Halt! Da wäre noch die Umzugsidee für den Kindergarten, die aber schon an der Nähe zur Lachte, den gefährlichen Treppenführungen und mangelhaftem Brandschutz scheitern dürfte).

> Auch würde unser Unternehmen Informationen auf dieser Web-Seite „immer gleich öffentlich machen“.

Dieser Art adeliger Geheimpolitik wirft noch viel längere Schatten voraus: Da die betroffenen Gemeinden (wie Steinhorst), auf das Wohlwollen der Denkmalbehörden angewiesen sind, zum Beispiel bei Genehmigungen von Umnutzungen, Veräußerungen oder Restaurationen etc., und hierzu auch noch Zuschüsse der öffentlichen Hand benötigen, können die Gemeinden sehr wirksam zum Stillhalten vergattert werden. Ganz abgesehen davon verweigern auch andere Denk- und Mahnmal-Einrichtungen, die der Denkmalpflege unterstehen, sachdienliche Auskünfte, wenn sie auf kurzem Amtswege dazu angehalten werden. Uns liegen hierzu zwei sehr spezielle Erfahrungen vor.

Aufforderung an Kultusministerin Julia Hamburg zu Auskunfts- und Mitwirkungsrechten in der Denkmalpflege

Offensichtlich ist im Dunkeln viel besser munkeln, wenn es um ideologisch gelenkte und politisch zweifelhafte Denkmalpolitik geht. (Fortsetzung des Artikels nach dem Link zur „Eingabe an Kultusministerin Julia Hamburg“)

Vertreibt der oberste Denkmalwächter Niedersachsens die Erinnerungskultur jetzt endgültig aus den Denkmalbehörden und zwingt Gemeinden zum Stillhalten, statt eine demokratische Reform des DSchG anzustoßen?

Es scheint, als solle das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, und der Respekt vor dem frühen jüdischen Widerstand gegen den damals auch politisch motivierten Antisemitismus hinter der reaktionären Tessenow’schen Vision: „Rolle rückwärts in eine feudale Ständegesellschaft!“ – möglichst unsichtbar zurückstehen!

Dieser auch politisch begründete antisemitische Hass verbreitete sich schon während der wilhelminischen Epoche und den sich anschließenden feudalen, groß- und kleinbürgerlichen Restaurationsversuchen in der Weimarer Republik. Das Abschütteln „der Hegemonie des Marxismus und der Demokratie“ verband mehr oder weniger die ansonsten eher heterogene Anhängerschaft einer „konservativen Revolution“, von der auch Tessenow in Form einer feudalen Ständegesellschaft träumte. Die Nationalsozialisten erkannten schnell, dass ihnen ebf. durch die fließend verwobenen völkischen Teile der Lebensreform-Bewegung das Feld bestens bestellt wurde und sie nur wenig in ihrem Sinn nachjustieren mussten. Denn jene „Revolutionsideen“ von einem „Dritten Reich“ wurden von dem NS fast nahtlos in die Errichtung der konterrevolutionären NS-Diktatur umgelenkt.

Vor der Deportations-, Massenvernichtungs- und Kriegspolitik der Nazis konnte man sich dann nach 1933 kaum mehr als Teil der Funktionselite, der freilich auch Tessenow als Professor der TU Berlin angehörte, wegducken. So wie es auf einmal im Architektenstreit der Weimarer Zeit nicht mehr nur um moderne Flachdächer oder traditionelle Spitzdächer ging, sondern um die Besiedelungsarchitektur des PLAN OST, der die Vertreibung von über 30 Mio. Menschen und die einheitlich arische Kolonialisation vorsah!

Das CDU-Mitglied Winzingerode und die für das „Haus der Gemeinde“-Denkmal zuständige Referentin, Cordula Reulecke, ficht das nicht sonderlich an, obwohl sie seit unseren lfd. Enthüllungen auf dieser Website, einerseits, und dem schockierenden Geheimtreffen von identitären Neonazis, AfD- und einigen CDU-Mitgliedern im November in Potsdam – nur 8 km von der Wannseekonferenz-Villa entfernt – gewarnt sein sollten, dass sich diese Konferenzteilnehmer bereits mit einem geheimen Masterplan ganz praktisch um die erneute „ethnische Reinigung Deutschlands“ durch Vertreibung von Millionen Menschen heranmachten.

Das Bekämpfen dieser reaktionären Revolutionsfantasien und Vertreibungsvorhaben sollten nicht nur Gegenstand von Hoffnung gebenden Anti-Nazi-Großdemonstrationen sein, sondern müssen vielerorts hochgehalten werden. Gerade auch im Denkmal „Haus der Gemeinde“ in Steinhorst sollte diese Gegenwehr entschlossen Platz greifen wegen der kaum zu leugnenden historischen Parallelen zu auch den gegensätzlichen Biografien von Simon und Tessenow.

Der jüdisch-deutsche Bankier Simon verbreitete mit Mut und Tat Hoffnungen unter den verfolgten Juden, die letztlich, weil es an breiterer gesamtgesellschaftlicher Gegenwehr unter den Deutschen fehlte, von den Nazis in Blut erstickt wurden. – Umso mehr geht es um die „Einlösung der vergangenen Hoffnung“ (Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in:der „Dialektik der Aufklärung“) des couragierten, großzügigen und weitsichtigen jüdisch-deutschen Bankiers, Alexander Moritz Simon, seiner nach ihm benannten Stiftung und seiner beispielgebenden Lehrer- wie Schülerschaft.

Das Fehlen eines Informations-Freiheitsgesetzes ist ein Skandal! Niedersachsen und Bayern bilden das traurige Schlusslicht dieser staatlichen Vereinsmeierei!

Noch jede Legislaturperiode seit den Nullerjahren problematisierten die Grünen zu Recht das Fehlen eines solchen Gesetzes, das die bedingungslose Auskunftspflicht gesetzlich sicherstellen soll. Im Bund und in 14 Bundesländern ist dies bereits bindend geregelt. Obwohl nun die Grünen Regierungspartner in Hannover sind, kommt das Vorhaben nicht wirklich voran und bleibt Niedersachsen mit Bayern Schlusslicht in dieser wichtigen demokratischen Entwicklung.

Falls sich die SPD noch zieren sollte, könnte ja zumindest die grüne Ministerin in ihrem Kultusministerium schon mal für Umsetzung sorgen. Unser Steinhorster Denkmal-Anliegen würde einen Startschuss sicher rechtfertigen!

Das ethisch ambivalente niedersächsische Denkmalschutzgesetz (DSchG) ist von seinem wilhelminischen Obrigkeitsgeist zu befreien und zu demokratisieren!

Der Denkmalschutz kam erst Ende des 19. Jahrhunderts im Rahmen der rechts gerichteten Heimatschutzbewegung auf und wurde von der Bismarck’schen Verwaltung aufgegriffen. Der gleichen Bewegung, die später ganz Deutschland mit ihren anti-urbanen und agro-romatisierenden Bau- und Landschafts-Gestaltungsvorstellungen konsequent gegen die Moderne überziehen wollte. Tessenow spielte auch dort seine Rolle als national ausgerichteter Patriot. Das Heimatschutz-Gedankengut wurde von dem NS ganz besonders gerne vereinnahmt, sicherte es ihr schließlich eine gehörige Anhängerschaft und förderte frühzeitig die völkische Führer-, Blut- und Bodenideologie samt Gleichschaltung möglichst aller Lebensbereiche.

Umso schlimmer ist, dass das niedersächsische Denkmalschutzgesetz eine ambivalente Haltung zu den Verbrechen und Ideologien der antisemitischen Nazi-Diktatur einnimmt und kein voraussetzungsloser Anspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen dieser Behörden besteht. In einem solchen demokratischen „Notstandsgebiet“ richten sich erfahrungsgemäß besonders gerne und erfolgreich lobbyistische und politisch-ideologisch verquere Interessenvertreter ein. – Das muss sofort aufhören!